Sicherheit
Wie erzeugt man mehr Sicherheit? Mit Licht, sagt Tim Edler.
Wann immer die Rede während der vergangenen Jahre auf den Dessauer Stadtpark kam, stand sehr schnell ein Thema im Mittelpunkt: Sicherheit. Oder vielmehr das Gefühl von Unsicherheit. »Dabei«, sagt Tim Edler, »ist der Stadtpark seit mehreren Jahren kein Schwerpunkt von Kriminalität. Die Rede kommt zwar immer auf den Drogenhandel, doch zum Beispiel passiert der Oma passiert dort nicht, was sie befürchtet.«
Edler ist Architekt, Informatiker und einer der Köpfe des Berliner Büros realities:united, eines Büro, das in Hamburg ebenso gefragt ist wie in New York, Singapur oder Graz, eines Büros, das auf ungewöhnliche Fragen ungewöhnliche Antworten findet und Architektur, Design und neue Technologien zu etwas Neuem verbindet.
Dennoch fühlte Edler sich anfangs ratlos, als ihn aus Dessau die Bitte ereilte, »mehr Sicherheit im Stadtpark zu erzeugen und dabei etwas mit Informationstechnik zu machen. Diese beiden Aspekte berühren sich eigentlich nicht.« Edler und seine Mitstreiter recherchierten, und bald schon stand für sie fest: (Un)sicherheit ist vielmehr ein Gefühl denn eine statistische Größe. Ein Phänomen, das keineswegs auf Dessau beschränkt ist: gefühlte Bedrohung und tatsächliche Gefahr verhalten sich teilweise konträr zueinander.
Wie also dem Gefühl der Unsicherheit beikommen, wie ihm begegnen mit technischen Mitteln? Überwachungskameras lautet eine inzwischen gängige Antwort; doch nüchtern betrachtet hat deren Einsatz im Stadtpark diesem nicht wirklich geholfen.
realities:united erstellten einen Katalog von zwanzig Ideen. »Und daraus wurde das Modul der interaktiven Beleuchtung herausgelöst.« Dieses Konzept stellt sich gegen die üblichen Parkbeleuchtungen (Edler: »eine Reihe von Funzeln, die variierende Ungemütlichkeit erzeugen«). Statt dessen nutzen realities:united Licht, um dem Parkbesucher zu signalisieren: hier, wo es hell ist, musst du nichts fürchten, kannst du unbesorgt hingehen, dort, wo es dunkler wird, ist Ende, musst du nicht hingehen.
Der Effekt wird verstärkt, indem die Beleuchtung variiert; sie reagiert auf die Bewegung von Menschen. Das hat wenig bis nichts zu tun mit Baumarktlösungen. Vielmehr werden die im Ruhezustand recht schwach leuchtenden Lampen über ein Computerprogramm gesteuert, das nach und nach lernen soll, wie sich die Menschen durch den Park bewegen und den angestrebten Weg schon vorab hell ausleuchten. Das an- und abschwellende Licht signalisiert zugleich: der Park ist in Bewegung, er wird genutzt, in ihm halten sich Menschen auf.
Und die, ist Edler überzeugt, sind unverzichtbar, um das diffuse Gefühl von Unsicherheit zu vertreiben, das dem Stadtpark oftmals entgegengebracht wird: Mehr Menschen sorgen für mehr Sicherheit.
Das Projekt »interaktive Beleuchtung« hat trotz des sperrigen Namens etwas Spielerisches. Tim Edler: »Ich kann mir gut vorstellen, dass Kinder hin- und herflitzen und ausprobieren, wie das mit der Beleuchtung funktioniert.«
Freilich ist Edler Realist genug, um zu wissen, dass mehr Licht zuwenig ist, um das Unsicherheitsgefühl zu vertreiben. »Man kann Sicherheit vielleicht bauen. Aber am Ende werden es nur 20, 30 Prozent sein«, räumt er ein.
Zumal: Die interaktive Beleuchtung wird nur um den Stadtpark-Brunnen herum errichtet werden – für eine größere Ausdehnung, wie Tim Edler sie vorschwebte, reicht das Geld denn doch nicht. Ungefähr 15 Leuchtenmasten sollten nach derzeitigen Planungsstand aufgestellt werden, sagt Edler; eine jeder wird eine Höhe von sechs Metern haben und mit Kompaktleuchtstofflampen bestückt sein. »Es eignen sich nur wenige Lampentypen fürs Dimmen.«
Die interaktive Beleuchtung, sie ist ein Experiment, eines, für das in dieser Art kein Beispiel gibt. Doch die Chancen stehen nicht schlecht: dass sie eine Einladung werden könnte für die Dessauer und für Gäste der Stadt, sich dem Stadtpark wieder anzueignen.
Selbst wenn die Nacht bereits hereingebrochen sein wird.
Tim Edler studierte in Berlin Architektur und Informatik und gehört zu den Gründern von realities:united. Seit drei Jahren ist er Honorarprofessor in Bremen.